Wetterrekorde der Extreme: Was unser Planet wirklich drauf hat
Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) führt akribisch Buch über die extremsten Wetterereignisse unseres Planeten. Diese offiziell anerkannten Rekorde lesen sich wie aus einem Science Fiction Roman – sind aber wissenschaftlich bestätigt. Eine Reise zu den Grenzen dessen, was meteorologisch möglich ist.
Heiss wie in der Hölle
Der heisseste Ort der Erde trägt seinen Namen zu Recht: Death Valley in Kalifornien. Am 10. Juli 1913 mass die Wetterstation Furnace Creek sagenhafte 56.7 Grad Celsius. Das ist heisser als die meisten Backöfen beim Aufwärmen. Interessant: Die Station liegt 54 Meter unter dem Meeresspiegel in einer Senke, wo sich die Hitze regelrecht staut.
Zum Vergleich: Der europäische Kontinentalrekord wurde erst 2021 aufgestellt, als im sizilianischen Siracusa 48.8 Grad gemessen wurden. Auch die Schweiz erlebte 2003 mit über 41 Grad in Grono extreme Hitze, doch das ist weit entfernt von den globalen Spitzenwerten.
Kälter als jeder Gefrierschrank
Auf der anderen Seite des Spektrums steht die russische Antarktisstation Wostok. Am 21. Juli 1983 zeigte das Thermometer dort minus 89.2 Grad Celsius an. Bei solchen Temperaturen gefriert ausgeatmete Luft sofort zu kleinen Eiskristallen, und ungeschützte Haut erleidet innerhalb von Sekunden Erfrierungen.
Der Kälterekord der Nordhalbkugel liegt übrigens in Grönland: An der automatischen Wetterstation Klinck wurden 1991 minus 69.6 Grad gemessen.
Wenn der Himmel seine Schleusen öffnet
Die französische Insel La Réunion im Indischen Ozean hält gleich mehrere Niederschlagsrekorde. Am 7. und 8. Januar 1966 prasselte der tropische Zyklon Denise auf die Bergstation Foc Foc nieder. Das Resultat: 1.825 Meter Regen in 24 Stunden. Das ist mehr als in Zürich in einem ganzen Jahrzehnt fällt.
Noch eindrücklicher: Während des Zyklons Gamede fielen 2007 an der gleichen Stelle innerhalb von 96 Stunden fast fünf Meter Niederschlag. Die steilen Vulkanhänge der Insel wirken wie ein gigantischer Regenfänger für die feuchtigkeitsgesättigten Tropenstürme.
172 Monate ohne einen Tropfen
Das genaue Gegenteil erlebte die chilenische Hafenstadt Arica. Zwischen Oktober 1903 und Januar 1918 fiel dort während 172 Monaten kein messbarer Niederschlag – das sind mehr als 14 Jahre Dürre. Arica liegt in der Atacamawüste, einer der trockensten Regionen der Erde, wo manche Wetterstationen noch nie Regen verzeichnet haben.
Hagelkörner so schwer wie ein Kaninchen
Am 14. April 1986 ging über dem Bezirk Gopalganj in Bangladesch ein Hagelsturm nieder, der die Meteorologie erschütterte: Das schwerste je gewogene Hagelkorn brachte 1.02 Kilogramm auf die Waage. Solche Eisgeschosse sind tödlich – tatsächlich forderte der schlimmste Hagelsturm der Geschichte 1888 im indischen Moradabad 246 Menschenleben.
Windböen jenseits der 400 Stundenkilometer
Den stärksten je gemessenen Windstoss verzeichnete Barrow Island vor der australischen Küste am 10. April 1996 während des tropischen Zyklons Olivia: 113.2 Meter pro Sekunde, umgerechnet etwa 408 Stundenkilometer. Das ist schneller als ein Formel 1 Rennwagen auf der Geraden.
Zum Vergleich: Die heftigsten Föhnstürme in den Schweizer Alpen erreichen Böen von etwa 150 bis 180 Stundenkilometern.
Blitze, die ganze Länder überspannen
Dank moderner Satellitentechnologie konnten Forscher kürzlich Blitze dokumentieren, die alle bisherigen Vorstellungen sprengen. Am 22. Oktober 2020 erstreckte sich ein einziger Blitz über 829 Kilometer quer durch die US Bundesstaaten Texas, Oklahoma, Kansas und Missouri. Das entspricht etwa der Luftlinie von Genf nach Hamburg.
Noch erstaunlicher: Am 18. Juni 2020 leuchtete ein Blitz über Argentinien und Uruguay während 17.1 Sekunden – eine Ewigkeit für ein Phänomen, das normalerweise im Bruchteil einer Sekunde vorbei ist.
Der tiefste Luftdruck: Im Auge des Monsters
Am 12. Oktober 1979 mass ein Aufklärungsflugzeug im Auge des Taifuns Tip über dem Pazifik einen Luftdruck von nur 870 Hektopascal. Zum Vergleich: Normaler Meeresdruck liegt bei etwa 1013 hPa. Tip war der intensivste je gemessene tropische Wirbelsturm mit Sturmwinden, die sich über 1100 Kilometer vom Zentrum erstreckten.
Das Gegenstück: Im sibirischen Agata wurde 1968 ein Hochdruckrekord von 1083.8 hPa gemessen, im mongolischen Tosontsengel sogar 1089.1 hPa.
Die tödliche Seite der Extreme
Wetterextreme fordern Menschenleben. Der verheerendste Tropensturm der Geschichte war der Zyklon von 1970, der die Küste von Bangladesch traf und schätzungsweise 300'000 Menschen das Leben kostete. Ein einzelner Blitzschlag tötete 1994 in Ägypten 469 Menschen, als er ein Öldepot in Brand setzte. Und der schlimmste Tornado der Welt wütete 1989 ebenfalls in Bangladesch und forderte etwa 1300 Todesopfer.
Was uns diese Rekorde lehren
Die Sammlung der WMO zeigt eindrücklich: Unser Planet ist zu meteorologischen Leistungen fähig, die jenseits unserer alltäglichen Vorstellungskraft liegen. Zwischen minus 89 und plus 57 Grad Celsius, zwischen totaler Dürre und sintflutartigem Regen, zwischen Windstille und Orkanböen über 400 km/h liegt die gesamte Bandbreite dessen, was das Erdklima hervorbringen kann.
Für die Schweiz mögen solche Extreme weit entfernt erscheinen. Doch auch hier brechen regelmässig lokale Rekorde, und der Klimawandel verschiebt die Grenzen dessen, was möglich ist. Die WMO Datenbank erinnert uns daran, dass Wetter niemals unterschätzt werden sollte.